Die Hüftgelenksdysplasie ist die am häufigsten befundete Skeletterkrankung des Hundes. Sie beschreibt eine Fehlentwicklung von Hüftgelenkspfanne (Acetabulum) und Oberschenkelkopf (Femurkopf), bei der beide nicht mehr passgenau ineinandergreifen. Das Gelenk wird instabil, der Knorpel verschleißt schneller als vorgesehen, und langfristig entsteht eine Arthrose.
Wie eine HD entsteht
Welpen kommen mit anatomisch unauffälligen Hüftgelenken zur Welt. Die Fehlentwicklung geschieht erst im Wachstum, überwiegend in den ersten sechs bis zwölf Lebensmonaten. In dieser Phase besteht das Gelenk noch weitgehend aus Knorpel und weichem Knochen; Pfanne und Kopf formen sich gegenseitig aus. Passt die Belastung nicht zur Belastbarkeit des Gewebes, verformen sich beide.
Als Einflussgrößen gelten heute:
- Wachstumsgeschwindigkeit und Energieaufnahme. Der am besten belegte beeinflussbare Faktor. Welpen, die im ersten Lebensjahr restriktiv statt ad libitum gefüttert werden, zeigen erheblich niedrigere Befundraten.
- Körpergewicht. Jedes Kilogramm über dem Idealgewicht wirkt direkt auf ein Gelenk, das noch nicht fertig ist.
- Mineralstoffversorgung. Insbesondere eine Calcium-Überversorgung stört die Knochenreifung. Zusätzliche Calciumgaben zu einem vollwertigen Welpenfutter sind kontraindiziert.
- Belastungsart. Treppen, Sprünge, langes Radfahren am Fahrrad und erzwungene Ausdauer im Wachstum sind ungünstig; freies Spiel auf griffigem Untergrund ist es nicht.
- Genetische Veranlagung. Rassen mit hohem Endgewicht sind überproportional betroffen. Wie groß dieser Anteil ist, ist genau der Punkt, um den seit Jahrzehnten gestritten wird – nachzulesen unter Der Jahrtausendirrtum der Veterinärmedizin.
Symptome: was auffällt und was nicht
Das Tückische an der HD ist, dass Befund und Beschwerden nur lose zusammenhängen. Es gibt Hunde mit deutlichem Röntgenbefund und ohne jede Lahmheit – und Hunde mit leichtem Befund und erheblichen Schmerzen. Aufmerksam werden sollte man bei:
- Aufstehen in mehreren Etappen, besonders nach dem Liegen
- »Hasenhoppeln«: beide Hinterläufe werden im Galopp gleichzeitig aufgesetzt
- schwankender, wiegender Gang in der Hinterhand
- Vermeiden von Treppen und Sprüngen ins Auto
- rasche Ermüdung auf Spaziergängen, häufiges Hinsetzen
- auffällig muskulöse Vorhand bei schmaler Hinterhand – der Hund verlagert sein Gewicht nach vorn
Diagnose und Befundung
Die Diagnose erfolgt über eine Röntgenaufnahme in gestreckter Rückenlage, in der Regel unter Sedierung, frühestens ab dem zwölften Lebensmonat, bei sehr großen Rassen ab dem 18. Monat. Die gutachterliche Befundung nach dem in Europa üblichen FCI-Schema kennt fünf Stufen:
| Grad | Bezeichnung | Bedeutung |
|---|---|---|
| A | kein Hinweis auf HD | Gelenk unauffällig |
| B | Übergangsform | geringe Abweichung, klinisch meist bedeutungslos |
| C | leichte HD | erkennbare Inkongruenz, oft lange beschwerdefrei |
| D | mittlere HD | deutliche Veränderungen, häufig arthrotische Anzeichen |
| E | schwere HD | ausgeprägte Fehlstellung mit Arthrose |
Weil die Aufnahme nur die Hüfte zeigt, bleiben Veränderungen an Schulter, Ellenbogen oder Knie dabei unentdeckt. Bei einem lahmen Hund lohnt deshalb der Blick auf das gesamte Skelett – mehr dazu unter Skelett- und Gelenkerkrankungen.
Was man tun kann
Eine bestehende Fehlform lässt sich nicht zurückbilden. Der Verlauf lässt sich aber erheblich beeinflussen:
- Gewicht konsequent halten. Die wirksamste Einzelmaßnahme – und die einzige, die nichts kostet. Rippen sollten unter leichtem Fingerdruck tastbar sein.
- Muskulatur aufbauen. Gleichmäßige, moderate Bewegung stabilisiert das Gelenk. Schwimmen und kontrollierte Bewegungsübungen sind ideal, ruckartige Belastung ist es nicht.
- Schmerzmanagement. Entzündungshemmer und Schmerzmittel gehören in tierärztliche Hand, lassen aber vielen Hunden ein normales Leben.
- Physiotherapie. Unterwasserlaufband, Massage und gezielte Übungen sind in der Tiermedizin etabliert.
- Operation. Von der Gelenkflächenkorrektur beim Junghund bis zur Endoprothese beim erwachsenen Hund – eine Einzelfallentscheidung, nie eine Standardlösung.
Prävention beginnt vor dem Befund. Wer einen Welpen einer großwüchsigen Rasse aufzieht, entscheidet in den ersten zwölf Monaten mehr über die Gelenke seines Hundes als in allen Jahren danach. Die konkreten Werte stehen unter Welpen: Ernährung und Wachstum.